In der Gedankenschleife

Manchmal hab ich das Gefühl, dass ich mir einfach zu viele Gedanken mache. Und allein der Gedanke daran belastet mich ungemein, weil ich sogar über mein Nachdenken nachdenke. Ich fürchte, ich befinde mich in einer endlosen Gedankenschleife und komme da nicht mehr raus.

Schon in der aller Früh denke ich darüber nach, warum andere Leute es schaffen, beim Zähneputzen nicht zu kleckern. Die schrubben stundenlang an ihren schneeweißen Beißern, gehen dabei auf die Toilette, ziehen sich an, können sich sogar unterhalten.

Und ich: Schon kurz nach dem vorsichtigen Einführen der Zahnbürste läuft mir die Zahnpasta aus dem Mund. Und während ich, Kopf über dem Waschbecken, darüber nachdenke, ob das mit meiner fehlerhaften Putztechnik oder der besonderen Konsistenz meines Speichels zusammen hängt (der in Sekundenschnelle die Pasta zum Schäumen bringt und vielleicht auch als Milchschäumer geeignet wäre, wenn man ihn denn chemisch rekonstruieren könnte), lese ich auf der Zahnpastatube die Worte „Klinisch getestet“. Haben Sie sich schon mal überlegt, was das bedeutet?

Also, ich hab da erst mal ein paar Fragen dazu: Wo ist das klinisch getestet worden und was ist das Ergebnis des Testes? Hat eine Frauenklinik festgestellt, dass ich von der Zahnpasta schwanger werde oder garantiert mir ein Unfallkrankenhaus, dass ich nach dem Zähneputzen keinen Gips tragen muss? Bei der Überlegung, wie denn eine urologische Abteilung solch einen Test führen würde, fällt glücklicherweise mein Blick in den Spiegel — und das Gedankenkarussell gewinnt an Fahrt. Denn im Spiegel liest sich die besagte Aufschrift ganz anders, was mich über die Wirkung von Perspektivenwechsel nachdenken lässt.

Das wiederum stiftet eine große Verwirrung in meinem Kopf, was mich zwischenzeitlich eine Bilanz meines gegenwärtigen Lebens ziehen lässt, die da lautet: Es häufen sich die Situationen, in denen ich einfach nur dumm da stehe, dem Augenblick und meinem Befinden angemessen dumm schaue und überhaupt nix mehr weiß – vor allem, was ich gerade tun wollte.

Kennen Sie das? Sie laufen den Keller hinunter um etwas zu holen, verschwinden auch etwa 5 Minuten, kommen wieder hoch und haben das, was Sie holen wollten, nicht dabei.

In dieser Disziplin der „negierten Zielorientierung“ (ich gebe es zu, ich hab schon mal an Außerirdische gedacht; auch die Wurmlöcher und die Theorie der relativen Längenkontraktion im gekrümmten Universum schienen mir sehr reizvoll) bin ich mittlerweile absoluter Meister.

Zum einen bleibe ich bis zu 15 Minuten im Keller (meine Frau hat das gemessen), zum anderen habe ich beim „in und aus dem Keller ohne Ergebnis“ schon sieben Wiederholungen geschafft – bis ich endlich die Kartoffeln in der Küche hatte.

Aber wie kam ich jetzt von der Zahnpasta zu den Kartoffeln?

Ich glaube, ich muss jetzt mal meine Gedanken sortieren. Wie aber mache ich das am vernünftigsten, denke ich gerade nach …

 

c/o Bernhard Krebs

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