Ein Einakter im Theater des Lebens

Im Esszimmer einer schmucken Wohnung in einem schmucken Reihenhaus in einem schmucken Vorort. Die geerbte, angeblich antike Wanduhr von Tante Olga zeigt 7.15 Uhr. Der Vater (47 Jahre alt) hat sich hinter der Tageszeitung verschanzt, die Mutter (jünger) streicht Butter auf die Brote.

Auf dem dritten Stuhl sitzt der 13jährige Sohn in 5XL-Klamotten, der Zwickel der überdimensionierten Hose schwebt wenige Zentimeter über dem Boden. Aus seinem Walkman dringen Fragmente von Hip-Hop oder Techno oder Indie-Rave oder sonst was. Jedenfalls modern.

Vater (blickt plötzlich über den Rand der Zeitung): “Mama, wo ist der Junge? Wir haben ihn verloren!” Pause. Aus dem Antenne-Bayern-Radio witzelt Wolfgang Leikermoser mit der Nachrichtensprecherin und einer sehr redseligen Zuhöreranruferin, die unbedingt eine CD gewinnen will, die sie dann doch nie anhören wird.

Der Vater wiederholt: “Mama, wo ist der Junge? Nur noch seine Kleider sind da!” – Mutter (leicht verwirrt): “Da sitzt er doch.” – Vater: “Ich seh´ ihn nicht.” – Mutter (nachdrücklicher): “Da, Papa, im Kleiderhaufen sitzt der Bub. Heutzutage trägt man Pulli und Hose so groß. Das ist jetzt eben modern.”

Fünf Minuten später, die Krise nimmt ihren familiären Verlauf – zuerst nur in der Gemütslage des selbsternannten Familienoberhaupts, die sich dann unvermittelt explosionsartig ihren Bann bricht: “Aber so lange er seine Füße unter meinen Tisch hat, soll er sich gefälligst anständig anziehen. Der Lausbub. Und diese Hottentotten-Musik ist ja überhaupt nicht auszuhalten.”

Mutter (beschwichtigend): “Lass ihn doch. Der Junge ist halt noch jung. Und er ist in der Pubertät.”

Dramatischer Höhepunkt der Krise. Vater (heftig erzürnt): “Puber-Dingsbums. Pah, wenn ich das schon hör´! Der Rotzlöffel, der freche, ist einfach nur stinkfaul. Du wirst schon noch sehen, was aus Deinem Sohn wird, dem vermaledeiten.”

Mutter: “Jetzt ist es wieder mein Sohn. Dabei sagt das jeder, dass er voll nach Dir gerät!”

Vater: “Du willst doch nicht ernsthaft behaupten, dass dieses Geplärr aus diesem Gerät etwas mit Musik zu tun hat. Dem Jungen reißt es doch die Ohren ab bei dem Krach.”

Abruptes Finale: Der Sohn steht auf und nimmt gelangweilt den Walkman vom Kopf: “Wie sieht´s aus, Papa, darf ich mir heute Abend Deine Jimi Hendrix-Platten und den Che Guevara-Poster aus dem Keller ausleihen? Wir lassen nämlich bei einem Kumpel ´ne total abgefahrene Oldie-Fete steigen.”

Vater (den Tränen nahe): “Mein Junge. Das ist mein Junge.”

 

c/o Bernhard Krebs

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