Weihnachtsbrief 2014

Es passiert mir jeden Dezember aufs Neue. Da mögen die adventliche Hektik noch so laut und die Zeit knapp sein, da können die Jingle Bells besinnliche Freude heucheln und der kleine Trommelbub musikalisch geschändet werden – unvermittelt trifft es mich, mitten hinein: Weihnachten. Was für mich Weihnachten ist? In jedem Fall ist es etwas, das ich auch mit 50 Jahren spüre und für das ich immer noch nicht die richtigen Worte gefunden habe. Ich fühle es manchmal, wenn ich in eine Kerze schaue oder eine Weihnachtskarte bekomme, in der auch was Persönliches (darf auch klein sein) steht. Ich fühle es beim zweiten Glühwein auf dem Christkindlmarkt oder beim ersten Stollen auf einem Besprechungstisch: Eine melancholische Wärme, die mich in Ruhe erinnern und nachdenken lässt. Weihnachten ist für mich immer Gegenwart und Vergangenheit, seltsamerweise selten Zukunft. Einmal nicht planen, fürchten, hoffen und wünschen müssen – ich mag das. Wenn es gelingt, versuche ich, Dinge der vergangenen Monate dort setzen zu lassen, wo sie hin gehören. Denn im Alltag lagere ich die „schweren“ Dinge meist in einer Gefühls-Besenkammer nur zwischen, bevorzugt mit einer hilfreichen Lebensweisheit. „Es gibt nichts Schlechtes, an dem nicht etwas Gutes ist. Das kann jedem passieren. Um ein guter Gewinner zu sein, muss man verlieren können. Es sind die Niederlagen, die einen weiter bringen. Gute Freunde erkennt man etc. etc. etc.“ Ganz ehrlich: Ich kann trotzdem auf jede Niederlage gut verzichten. Auch deshalb, weil ich jede einzelne persönlich nehme und wenig Lust verspüre, nach Schuldigen woanders als bei mir zu suchen. Abgesehen davon, dass ich sie auch nur hier finde. Der Zauber von Weihnachten bedeutet für mich auch, dass ich darüber nachdenke. Über Niederlagen, Fehler und Schmerzen. Dass ich sie nicht beschönigen muss und wie ein Hund leiden darf – und es dennoch erträglich bleibt. Weil ich mich an gute Abende mit meinem besten Freund erinnere, unglaublich stolz auf meine Schwester und ihre Tochter bin, mich über eine doch stattliche Anzahl, mir naher Menschen freue und neben jeder Menge täglicher Seltsamkeiten die Ironie IMMER NOCH hilft. Und ich halte meine Familie. Und sie hält mich. Und wir lachen. Viele Menschen wissen gar nicht, wie wichtig sie in bestimmten Situationen für mich waren und wie sehr sie geholfen haben. Sie müssen es auch gar nicht wissen, denn der Herrgott wird es ihnen beizeiten schon vergelten. Und ich trinke auf sie … nein, keinen Glühwein, sondern einen oder zwei Becherovka, der in meiner Familie seit Generationen getrunken wird. In der Tat, man sagt uns ein hohes Maß an Leidensfähigkeit nach. Ich hatte auch 2014 das Glück, immer wieder von Menschen mit Taktgefühl umgeben gewesen sein. Sie lassen Dir die Würde, wenn Du Fehler machst und wie ein Derwisch tanzt, was nicht gut aussieht. Wenn Dir Tomatensauce auf das weiße Hemd tropft, natürlich, und Du stolperst, egal wie und wo. Auch auf sie trinke ich einen Becherovka, denn Menschen wie sie sind wichtig. Danke. Ich sage Danke und wünsche Euch allen ein gesegnetes Weihnachtsfest. Und dass Ihr im neuen Jahr, wenn es darauf ankommt, jemanden bei Euch habt, der Euch hält. Und mit Euch lacht. Bernhard