Weihnachtsbrief 2011

Ich beende und beginne ein Jahr traditionell mit einem letzten und ersten Vorsatz, der derselbe und nicht der gleiche ist: Ich werde zwischen den Jahren all das abarbeiten, was liegen blieb. Dieser Vorsatz ist nicht virtuell, sondern hat sich bereits sehr früh in meinem Leben zu einer banalen Aktentasche mit wechselndem Inhalt materialisiert. Sie wartet seit 30 Jahren darauf, in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr geöffnet zu werden. Vergebens. Ich mag Rituale, weil sie mir vor allem gut tun. Und nachdem mir Weihnachten sehr gut getan hat, schaue ich auf die geschlossene Aktentasche – und auf das zurückliegende Jahr, nehme mir Zeit für ein Resümee und bastle an vielen guten Vorsätzen, die mir verwirklichbar scheinen. Meine Frau behauptet übrigens, ich wäre ein Träumer. Oder Spinner. Ich gebe zu, dass Vorsätze etwas an Reiz verloren haben, nachdem ich zu rauchen aufgehört habe. Endgültig. Im Oktober 2003 und nicht zu Beginn von 1984, 1985, 1986, 1987 … Aber weil ich ein sturer Kerl bin, fülle ich jedes Jahr ein Blatt Papier handschriftlich mit Vorsätzen. Und jedes Jahr stelle ich Ende Januar die erbärmlich geringe Halbwertszeit von Vorsätzen fest und finde mich damit ab, dass ich auch diesmal nicht mein Gewicht als 19jähriger erreichen, meinen ersten Roman schreiben sowie fünf große Ölbilder malen werde. Gesünder ernähren, mehr Sport treiben, netter sein, all die Interessen entwickeln und Ideen entfalten – spätestens Mariä Lichtmess am 4. Februar zeigt, dass die Zeit noch nicht reif ist. Aber nächstes Jahr bestimmt. Ich bin gespannt auf 2012. Wird es wieder so ein seltsames Jahr wie 2011? So wunderbar, schwierig, urkomisch, tieftraurig, starr und abenteuerlich zugleich? Ich mag 2011 im Rückblick. Mittendrin war das nicht immer der Fall, denn mehr als einmal kam ich an meine Grenzen. Obwohl in den vergangenen zwölf Monaten zum Glück kein Freund starb, musste ich von einigen Menschen Abschied nehmen, weil unsere Zeit einfach vorbei war. Es nagt an mir, dass es manchmal so leicht ging. Andererseits fand ich andere Leute wieder und entdeckte unbekannte, spannende, freundliche und höfliche Menschen. Von vielen lerne ich, manchmal eine Menge. Dafür bin ich dankbar. Wer und was warum und wie kommt oder geht, bleibt mir immer wieder aufs Neue ein Rätsel. Ich muss nur darauf achten, dass ich mir jeden und alles zumindest einmal genau anschaue. Gar nicht so einfach, wenn die Kontaktanbahnungsmaschine Facebook hysterisch den Takt vorgibt. Zumindest bin ich kein Online-Bauer mehr, der unzähliges Farmville-Vieh auf dem Gewissen hat. Ich habe 2011 von einem hohen Berg runter und mit den Füßen im Meer ganz weit geschaut. Beides ist gut für die Einordnung von …. allem. Außerdem bin ich wieder öfter einfach so auf einem Bankerl gesessen. Man sollte eigentlich jeden Tag etwas Neues lernen. Das habe ich nicht geschafft, aber ich habe zum ersten Mal Camping-Urlaub gemacht. Zweimal. Immer noch staune ich über die Camper; es ist, als hätte ich eine fremde Welt betreten. Es war auch eine Mords-Gaudi, vielleicht besuche ich 2012 Treffen der Star-Treck-Leute, Eisenbahnfreunde oder Modellbauer. Man unterschätzt das. Noch eine wichtige Camping-Erkenntnis: Man sollte sein Zelt weit genug von den Toiletten aufstellen. Mit meinen kleinen Söhnen verbrachte ich einen Großteil meines Urlaubs auf dem Weg zum Klo und wieder zurück. Morgens, mittags, abends, nachts und auch dazwischen. Wenn du dich darauf einlässt, kommt die Ruhe von selbst. Und das Schmunzeln, das mir auch lieb ist. Ich wünsche Euch allen einen Koffer, der geschlossen bleibt, ein paar schöne Vorsätze, ein Bankerl und ein wunderbares 2012, das manchmal auch seltsam sein darf. Ein gesegnetes Fest. Bernhard