Bernhards Weihnachtsbrief 2018

Meine Schwester, die ich sehr liebe und die sich über meine allererste, kleine Weihnachts-Sentimentalität im Jahre 2010 sehr gefreut hat, auch weil wir über bestimmte Dinge mehr als 20 Jahre geschwiegen hatten, fragte mich einmal, wo denn unser Vater in meiner damaligen Geschichte geblieben wäre? Das Verhältnis von Söhnen und ihren Vätern und umgekehrt ist bzw. war in meiner Generation meist nicht einfach. Wir haben wahrscheinlich nicht genug miteinander geredet; unser gelebtes, partiell gefühlsarmes Rollenbild machte es auch nicht leichter. Ich gehöre der Generation an, die sich gerade sehr mit seinen Eltern beschäftigt. Sofern sie noch leben. Und dabei haben wir bereits im Hinterkopf: Wir sind die Nächsten. Und dann fragen wir uns: Wie werden unsere Kinder mit uns umgehen oder ist es nicht besser, frühzeitig nach einer Alters-WG Ausschau zu halten? Wenn ich meinen Jungs großmäulig verkünde, dass sie meine Investition fürs Alter wären, grinsen sie vielsagend und schütteln mit einem frotzelnden „Träum´ weiter, Papa“ mit den Köpfen. Ich mag das. Ich habe zu meinem Vater nur als Kind und an seinem Sterbebett vor drei Jahren „Papa“ gesagt. Dazwischen war er für meine Schwester und mich „der Meister“. Er war nämlich wirklich einer: ein Elektromeister. Was übrigens in der beruflichen Hierarchie unserer Familie weit vor einem Universitätsabschluss rangiert. Obwohl ich selbst davon betroffen bin, weil ich nichts Gescheites gelernt habe, mag ich das auch. Irgendwie. Es gab trotz allem genügend Momente, in denen ich mich meinem Vater sehr verbunden fühlte. Unter anderem an einem Weihnachten, als wir loszogen, um in einer Schonung einen vorher bereits bezahlten Christbaum zu schlagen. Wir hatten schnell den Richtigen gefunden, aber weil man immer auf der Suche nach etwas Besserem ist, wollten wir uns nur seinen Standort merken und schauten weiter. Natürlich fanden wir keinen besseren Baum – leider aber auch den ersten nicht mehr. Genau: Da lernte ich etwas fürs Leben. Viel wichtiger jedoch war, dass wir einen dieser seltenen, dafür aber umso wertvolleren Momente erlebten, in denen Frust, Ärger und Zorn plötzlich in eine unbändige Albernheit umschlugen. Der Meister und ich schlichen grinsend und tobten lachend durch die Schonung, hängten die roten Markierungs-Schleifchen der besser vorbereiteten Christbaumkäufer einfach um – und hatten einen Riesenspaß, der auch noch anhielt, als wir uns Stunden später mit einem ziemlich hässlichen Christbaum im Schlepptau daheim die Schelte meiner Mama abholten. Ärger wegen des Baums, auch das gehörte zu Weihnachten. Ein Nussknacker, eine Pfeife samt Etui, ein Hut, ein Herrentäschchen und einiges mehr: Mein Vater hat während unserer Kindheit (und auch später) von meiner Schwester und mir unglaublich viel nutz- und sinnlose Geschenke bekommen, was er mit stoischer Gleichmut ertragen hat. Über viele Jahre hinweg sind wir deshalb immer ein wenig enttäuscht gewesen; irgendwann haben wir dann aber auch kapiert, dass es nicht an unseren Geschenken lag, sondern daran, dass mein Vater überhaupt nicht beschenkt werden wollte. Als ich 16 Jahre alt wurde und alle Weihnachten danach schenkte mir mein Vater einen Kasten Weltenburger „Dunkles Bier“ und ich ihm im Gegenzug eine Flache Apfelkorn, weil er das pappsüße Zeug mochte. Und weil dem so ist, trinke ich dieses Jahr auf Euch alle nicht nur Opas Becherovka, sondern auch Papas Apfelkorn. Sie mögen uns alle reichlich Glück bringen. Fröhliche und gesegnete Weihnachten!